Psychisch erkrankte Kinder erkennen und professionell begleiten: Ein Leitfaden für Fachkräfte
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Etwa jedes sechste Kind in Deutschland zeigt psychische Auffälligkeiten, die behandlungsbedürftig sein können [1]. Dennoch vergehen oft Jahre, bis betroffene Kinder die notwendige Unterstützung erhalten. Fachkräfte in der Sozialpädagogischen Familienhilfe, Schulbegleitung und Jugendhilfe stehen häufig an vorderster Front, wenn es darum geht, psychisch erkrankte Kinder frühzeitig zu erkennen und Familien den Weg zu professioneller Hilfe zu ebnen. Die Fähigkeit, psychische Störungen bei Kindern zu identifizieren und angemessen darauf zu reagieren, ist deshalb zu einer Kernkompetenz im sozialen Sektor geworden. Dieser Artikel vermittelt fundiertes Wissen über Erscheinungsformen, Ursachen und den professionellen Umgang mit psychisch belasteten Kindern im Berufsalltag. Wer sich in diesem Bereich vertiefen möchte, findet bei Diingu einen umfassenden Kurs zur Begleitung psychisch erkrankter Kinder, der speziell für die Arbeit in der Familienhilfe konzipiert wurde.
Was sind psychische Erkrankungen bei Kindern und warum sind sie so relevant?
Psychische Erkrankungen im Kindesalter umfassen eine breite Palette von Störungsbildern, die das emotionale Erleben, das Verhalten oder die kognitive Entwicklung beeinträchtigen. Sie reichen von Angststörungen über Depressionen bis hin zu Entwicklungsstörungen wie ADHS oder Autismus-Spektrum-Störungen. Anders als bei Erwachsenen äußern sich psychische Probleme bei Kindern oft nicht in verbal artikulierten Beschwerden, sondern zeigen sich in Verhaltensänderungen, Rückzug, aggressiven Ausbrüchen oder körperlichen Symptomen ohne organische Ursache.
Die Relevanz dieses Themas hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Aktuelle Studien belegen, dass psychische Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen seit der Pandemie weiter gestiegen sind [2]. Gleichzeitig fehlen vielerorts therapeutische Kapazitäten, Wartezeiten für Behandlungsplätze betragen oft Monate. Sozialpädagogische Fachkräfte übernehmen deshalb häufig eine Brückenfunktion zwischen Familie, Schule und Gesundheitssystem.
Die frühzeitige Erkennung psychischer Belastungen ist entscheidend für den weiteren Entwicklungsverlauf. Unbehandelte psychische Störungen verfestigen sich oft und führen zu erheblichen Einschränkungen in Schule, Familie und sozialem Umfeld. Zudem steigt das Risiko für Folgeprobleme wie Schulabbruch, Suchtentwicklung oder soziale Isolation. Fachkräfte, die psychische Auffälligkeiten kompetent einordnen können, leisten einen unverzichtbaren Beitrag zur Prävention und Früherkennung.
Warum dieses Wissen heute unverzichtbar ist
Steigende Prävalenz psychischer Störungen im Kindesalter
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit berichten Gesundheitsorganisationen von einem Anstieg psychischer Belastungen bei jungen Menschen. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass weltweit etwa 10 bis 20 Prozent aller Kinder und Jugendlichen von psychischen Störungen betroffen sind [3]. Besonders deutlich zeigt sich dieser Trend bei Angststörungen und Depressionen. Soziale Medien, Leistungsdruck und familiäre Belastungen werden als verstärkende Faktoren diskutiert. Fachkräfte müssen deshalb heute häufiger mit psychisch belasteten Kindern arbeiten als noch vor einer Generation.
Die steigenden Fallzahlen bedeuten auch, dass nahezu jede Fachkraft im sozialen Bereich im Laufe ihrer Karriere mit psychisch erkrankten Kindern in Kontakt kommt. Ob in der Familienhilfe, der Schulbegleitung oder der Jugendarbeit, fundiertes Wissen über psychische Störungen ist nicht mehr optional, sondern Teil des professionellen Handwerks. Ohne dieses Wissen besteht das Risiko, Symptome falsch zu interpretieren, Kinder zu über- oder zu unterfordern und damit ungewollt zur Chronifizierung beizutragen.
Komplexe Diagnostik und häufige Fehlinterpretationen
Psychische Auffälligkeiten bei Kindern sind nicht immer leicht von altersentsprechenden Entwicklungsphasen oder Reaktionen auf belastende Lebensereignisse zu unterscheiden. Ein fünfjähriges Kind, das nach der Trennung der Eltern plötzlich einnässt, zeigt eine Belastungsreaktion, die oft vorübergehend ist. Ein achtjähriges Kind, das über Monate hinweg kaum noch spricht, soziale Kontakte meidet und anhaltende Ängste zeigt, könnte hingegen an einer behandlungsbedürftigen Störung leiden.
Die Herausforderung für Fachkräfte besteht darin, diese Grenze zu erkennen. Viele Verhaltensweisen können Ausdruck normaler Entwicklungskrisen sein, aber auch erste Anzeichen einer tiefergehenden Problematik. Hinzu kommt, dass sich psychische Erkrankungen bei Kindern anders manifestieren als bei Erwachsenen. Depressionen zeigen sich beispielsweise häufig nicht in sichtbarer Traurigkeit, sondern in Gereiztheit, Konzentrationsproblemen oder körperlichen Beschwerden. Ohne fundierte Kenntnisse laufen Fachkräfte Gefahr, wichtige Warnsignale zu übersehen oder umgekehrt normale Verhaltensweisen zu pathologisieren.
Bedeutung der familiären Dynamiken und des sozialen Kontexts
Psychische Störungen bei Kindern entstehen selten isoliert. Sie sind oft eingebettet in komplexe familiäre Dynamiken, sozioökonomische Belastungen oder transgenerationale Muster. Ein Kind, das in einem Haushalt mit einem psychisch erkrankten Elternteil aufwächst, trägt ein erhöhtes Risiko, selbst psychische Auffälligkeiten zu entwickeln [4]. Auch Armut, Gewalterfahrungen oder Vernachlässigung sind bedeutsame Risikofaktoren.
Fachkräfte in der Familienhilfe arbeiten genau in diesem Spannungsfeld. Sie erleben den Alltag der Familie, sehen Interaktionsmuster und erkennen Belastungen oft früher als Lehrkräfte oder Kinderärzte. Dieses Wissen um die systemischen Zusammenhänge ermöglicht es ihnen, nicht nur das Kind, sondern die gesamte Familie in den Blick zu nehmen. Eine kompetente Einschätzung psychischer Auffälligkeiten erfordert deshalb immer auch ein Verständnis für die Lebensrealität und die Ressourcen der Familie. Der Diingu-Kurs zu psychisch erkrankten Kindern bietet hierzu praxisnahe Einblicke und Handlungsempfehlungen.
Rolle als Vermittler zwischen Familie und Hilfesystem
Viele Familien, in denen Kinder psychische Auffälligkeiten zeigen, wissen nicht, an wen sie sich wenden können. Scham, Unwissenheit oder Misstrauen gegenüber Institutionen verhindern oft den Zugang zu Hilfe. Sozialpädagogische Fachkräfte genießen häufig das Vertrauen der Familie und können als Brückenbauer fungieren. Sie erklären, was eine psychische Störung bedeutet, bauen Ängste vor Stigmatisierung ab und unterstützen bei der Suche nach geeigneten Anlaufstellen.
Diese Vermittlerrolle setzt jedoch voraus, dass Fachkräfte selbst über fundiertes Wissen verfügen. Nur wer die verschiedenen Störungsbilder kennt, kann einschätzen, welche Form der Unterstützung sinnvoll ist. Braucht das Kind eine kinderpsychiatrische Abklärung? Reicht eine Erziehungsberatung? Ist eine stationäre Behandlung notwendig? Diese Fragen lassen sich nur mit entsprechendem Hintergrundwissen beantworten. Zudem müssen Fachkräfte in der Lage sein, mit anderen Professionen wie Therapeuten, Ärzten und Lehrkräften auf Augenhöhe zu kommunizieren.
Prävention von Eskalationen und Folgeschäden
Unbehandelte psychische Erkrankungen verschlimmern sich in vielen Fällen und führen zu erheblichen Beeinträchtigungen. Ein Kind mit unerkannter Angststörung entwickelt möglicherweise Schulvermeidung, was zu massiven Bildungsdefiziten führt. Ein Jugendlicher mit Depression gerät ohne Behandlung in einen Teufelskreis aus sozialem Rückzug, negativen Gedankenmustern und vermindertem Selbstwert. Frühes Erkennen und Handeln kann solche Eskalationen verhindern.
Fachkräfte, die psychische Auffälligkeiten kompetent einschätzen, tragen maßgeblich zur Prävention bei. Sie können Eltern sensibilisieren, konkrete Verhaltensänderungen dokumentieren und frühzeitig professionelle Hilfe einleiten. Studien zeigen, dass Interventionen in frühen Phasen deutlich wirksamer sind als Behandlungen in fortgeschrittenen Stadien. Damit wird die Früherkennung zu einem wichtigen Baustein der psychischen Gesundheitsversorgung von Kindern und Jugendlichen.
Persönliche Entlastung und Handlungssicherheit im Berufsalltag
Die Arbeit mit psychisch belasteten Kindern ist emotional fordernd. Fachkräfte erleben Hilflosigkeit, wenn sie nicht wissen, wie sie reagieren sollen. Sie zweifeln an ihren Einschätzungen oder fühlen sich überfordert von der Schwere der Problematik. Fundiertes Wissen schafft Handlungssicherheit und entlastet. Wer die Symptome einer Traumafolgestörung kennt, kann das aggressive Verhalten eines Kindes besser einordnen und angemessen darauf reagieren.
Diese Sicherheit wirkt sich auch auf die Qualität der Arbeit aus. Fachkräfte, die wissen, was sie tun, treten souveräner auf, können Familien besser beraten und treffen fundiertere Entscheidungen. Sie schützen sich zudem vor Überlastung, indem sie eigene Grenzen erkennen und wissen, wann die Weitervermittlung an spezialisierte Dienste notwendig ist. Die kontinuierliche Weiterbildung in diesem Bereich ist deshalb nicht nur eine fachliche Notwendigkeit, sondern auch ein Beitrag zur eigenen Gesundheit.
Häufige Herausforderungen und Stolpersteine
Eine der größten Schwierigkeiten im Umgang mit psychisch erkrankten Kindern besteht darin, die Symptome richtig zu deuten. Viele psychische Störungen äußern sich unspezifisch. Ein Kind, das plötzlich schlechtere Schulleistungen zeigt, könnte überfordert sein, eine Lernstörung haben, gemobbt werden oder an einer Depression leiden. Ohne gezielte Beobachtung und Hintergrundwissen bleibt die eigentliche Ursache oft im Verborgenen.
Hinzu kommt, dass Kinder ihre psychischen Probleme selten klar benennen können. Jüngere Kinder verfügen noch nicht über das Vokabular, um innere Zustände zu beschreiben. Sie zeigen ihre Belastung indirekt durch Verhaltensänderungen, psychosomatische Beschwerden oder Rückzug. Ältere Kinder und Jugendliche schweigen häufig aus Scham oder aus Angst, als anders wahrgenommen zu werden. Fachkräfte müssen deshalb lernen, zwischen den Zeilen zu lesen und Signale zu erkennen, die auf eine tieferliegende Problematik hinweisen.
Ein weiterer Stolperstein ist die Abgrenzung zwischen pädagogischem und therapeutischem Handeln. Sozialpädagogische Fachkräfte sind keine Therapeuten und sollten sich nicht in dieser Rolle sehen. Gleichzeitig dürfen sie psychische Auffälligkeiten nicht ignorieren oder bagatellisieren. Diese Balance zu finden, erfordert Reflexion und Klarheit über die eigene Rolle. Es geht darum, Symptome zu erkennen, Familien zu informieren und Zugänge zu professioneller Hilfe zu schaffen, ohne selbst therapeutisch zu intervenieren.
Die Zusammenarbeit mit anderen Professionen gestaltet sich ebenfalls nicht immer reibungslos. Unterschiedliche Fachsprachen, Zuständigkeiten und Perspektiven können zu Missverständnissen führen. Kinderärzte, Therapeuten, Lehrkräfte und Sozialarbeiter haben jeweils eigene Blickwinkel auf das Kind. Ohne koordiniertes Vorgehen besteht die Gefahr, dass Informationen verloren gehen oder Maßnahmen aneinander vorbeilaufen. Fachkräfte benötigen deshalb nicht nur Wissen über psychische Störungen, sondern auch Kompetenzen in interdisziplinärer Kommunikation und Netzwerkarbeit.
Schließlich spielt die eigene emotionale Betroffenheit eine Rolle. Wer mit schwer traumatisierten oder suizidgefährdeten Kindern arbeitet, wird unweigerlich mit belastenden Inhalten konfrontiert. Diese Arbeit kann zu sekundärer Traumatisierung oder Burnout führen, wenn keine ausreichende Selbstfürsorge und Supervision stattfindet. Das Wissen um diese Risiken und der Aufbau entsprechender Schutzfaktoren sind deshalb integraler Bestandteil professioneller Kompetenz.
Anwendung in der Praxis
Im Alltag der Sozialpädagogischen Familienhilfe begegnen Fachkräfte regelmäßig Situationen, in denen psychische Auffälligkeiten bei Kindern eine Rolle spielen. Eine typische Situation könnte so aussehen: Eine Familienhelferin besucht seit einigen Wochen eine alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern. Der achtjährige Sohn fällt zunehmend durch aggressives Verhalten auf. Er schlägt seine jüngere Schwester, verweigert Hausaufgaben und wirkt innerlich angespannt. Die Mutter ist überfordert und bestraft das Kind, was die Situation weiter verschärft.
Mit fundiertem Wissen über psychische Störungen kann die Fachkraft diese Verhaltensweisen anders einordnen. Sie erkennt möglicherweise Anzeichen einer Traumafolgestörung, denn in der Vergangenheit war das Kind häuslicher Gewalt ausgesetzt. Statt das Verhalten nur als Erziehungsproblem zu sehen, versteht sie es als Ausdruck einer tiefer liegenden Belastung. Sie kann der Mutter erklären, dass das Kind nicht absichtlich schwierig ist, sondern unter den Folgen belastender Erfahrungen leidet. Gemeinsam entwickeln sie Strategien, die dem Kind helfen, sich sicherer zu fühlen. Die Fachkraft vermittelt zudem den Kontakt zu einer Traumaambulanz.
Ein anderes Beispiel aus der Schulbegleitung: Ein Schulbegleiter unterstützt ein zehnjähriges Mädchen mit Autismus-Spektrum-Störung. Das Mädchen zeigt zunehmend selbstverletzendes Verhalten, wenn es überfordert ist. Der Begleiter erkennt, dass dieses Verhalten keine Manipulation ist, sondern eine Form der Emotionsregulation. Er führt gemeinsam mit der Lehrkraft Anpassungen im Schulalltag ein, etwa Rückzugsmöglichkeiten in Reizüberflutungssituationen. Er dokumentiert die Auslöser und bespricht sie mit den Eltern und der behandelnden Therapeutin. Durch dieses koordinierte Vorgehen kann das selbstverletzende Verhalten deutlich reduziert werden.
In der Jugendarbeit zeigt sich ein weiteres Praxisfeld. Eine Sozialarbeiterin bemerkt, dass ein 14-jähriger Jugendlicher, der regelmäßig ins Jugendzentrum kommt, sich zunehmend zurückzieht. Er wirkt niedergeschlagen, macht abfällige Bemerkungen über sich selbst und deutet an, dass alles sinnlos sei. Die Fachkraft erkennt Anzeichen einer depressiven Entwicklung und nimmt die Äußerungen ernst. Sie sucht das Gespräch, ohne den Jugendlichen zu bedrängen, und bietet Unterstützung an. Sie informiert sich über lokale Beratungsangebote und bespricht mit dem Jugendlichen, wie er Hilfe bekommen könnte. Gleichzeitig informiert sie die Eltern über ihre Beobachtungen.
Diese Beispiele zeigen, dass die Anwendung von Wissen über psychische Störungen im Alltag vielfältig ist. Es geht darum, Symptome zu erkennen, einzuordnen und angemessen darauf zu reagieren. Es geht um Empathie, aber auch um klare Handlungsstrategien. Fachkräfte, die über dieses Wissen verfügen, können Kindern und Familien wirksam helfen und tragen dazu bei, dass psychische Belastungen nicht unbemerkt bleiben.
So gelingt der Einstieg
Wer sich das erste Mal intensiver mit psychischen Störungen bei Kindern auseinandersetzt, sollte mit den Grundlagen beginnen. Dazu gehört ein Verständnis für die verschiedenen Störungsbilder, ihre Symptome und typischen Verläufe. Störungsbilder wie ADHS, Angststörungen, Depressionen, Autismus-Spektrum-Störungen und Traumafolgestörungen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen im Kindesalter. Jedes Störungsbild hat charakteristische Merkmale, die sich in Verhalten, Emotionen und sozialen Interaktionen zeigen.
Gleichzeitig ist es wichtig, entwicklungspsychologische Aspekte zu berücksichtigen. Was bei einem Dreijährigen normal ist, kann bei einem Zehnjährigen auf eine Störung hindeuten. Fachkräfte sollten deshalb auch über altersentsprechende Entwicklungsmeilensteine informiert sein. Dieses Wissen hilft dabei, Auffälligkeiten besser einzuordnen und realistische Erwartungen an das Kind zu formulieren.
Ein weiterer wichtiger Baustein ist die Beobachtungskompetenz. Professionelle Beobachtung unterscheidet sich von Alltagswahrnehmung durch ihre Systematik und Dokumentation. Fachkräfte sollten lernen, Verhaltensweisen konkret zu beschreiben, Häufigkeit und Kontext zu erfassen und Veränderungen über die Zeit zu dokumentieren. Diese Beobachtungen sind nicht nur für die eigene Einschätzung hilfreich, sondern auch für andere Fachleute, die später hinzugezogen werden.
Die Gesprächsführung mit Kindern und Eltern ist eine weitere zentrale Kompetenz. Wie spricht man ein schwieriges Thema an, ohne die Familie zu verängstigen? Wie vermittelt man Informationen über psychische Störungen, ohne zu stigmatisieren? Wie baut man Vertrauen auf, damit Eltern sich öffnen können? Diese Fragen lassen sich durch Fortbildungen und Reflexion beantworten. Empathie, Offenheit und eine wertschätzende Haltung bilden die Basis für gelingende Gespräche.
Schließlich sollten Fachkräfte sich mit dem lokalen Hilfesystem vertraut machen. Welche Beratungsstellen gibt es? Welche Kliniken bieten ambulante oder stationäre Behandlungen an? Gibt es spezialisierte Therapeuten für Kinder? Wo können Familien niedrigschwellig Unterstützung finden? Ein gut gepflegtes Netzwerk ist Gold wert und ermöglicht schnelle und zielgerichtete Vermittlungen. Der Aufbau solcher Netzwerke ist eine Investition, die sich langfristig auszahlt.
Passende Weiterbildung bei Diingu
Wer sein Wissen über psychisch erkrankte Kinder systematisch vertiefen möchte, findet bei Diingu eine passende Weiterbildung. Der Kurs Psychisch erkrankte Kinder bietet einen umfassenden Überblick über die wichtigsten Störungsbilder, entwicklungspsychologische Grundlagen und praxisnahe Handlungsempfehlungen. Der Kurs richtet sich speziell an Fachkräfte in der Sozialpädagogischen Familienhilfe und anderen Bereichen der Kinder- und Jugendhilfe. Er vermittelt nicht nur theoretisches Wissen, sondern gibt konkrete Hinweise für den Berufsalltag und die Zusammenarbeit mit Familien. Die interaktive Lernplattform ermöglicht es, im eigenen Tempo zu lernen und das Wissen direkt in die Praxis zu übertragen.
Häufig gestellte Fragen
Wie erkenne ich, ob ein Kind psychisch krank ist?
Psychische Erkrankungen bei Kindern zeigen sich oft in Verhaltensänderungen, emotionalen Auffälligkeiten oder Entwicklungsrückschritten. Warnsignale können sozialer Rückzug, anhaltende Ängste, aggressive Ausbrüche, Konzentrationsprobleme oder psychosomatische Beschwerden sein. Entscheidend ist die Dauer, Intensität und der Leidensdruck. Wenn Symptome über mehrere Wochen bestehen, den Alltag massiv beeinträchtigen und nicht auf äußere Belastungen zurückzuführen sind, sollte fachliche Hilfe hinzugezogen werden. Eine Diagnose kann jedoch nur durch spezialisierte Fachleute gestellt werden.
Was sind die häufigsten psychischen Erkrankungen bei Kindern?
Zu den häufigsten psychischen Störungen im Kindesalter gehören ADHS, Angststörungen, Depressionen, Autismus-Spektrum-Störungen und Traumafolgestörungen. ADHS betrifft etwa 5 Prozent aller Kinder und zeigt sich in Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität. Angststörungen äußern sich durch übermäßige Sorgen, Vermeidungsverhalten oder körperliche Symptome. Depressionen treten auch bei Kindern auf, zeigen sich aber oft anders als bei Erwachsenen. Autismus ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung mit Beeinträchtigungen in sozialer Interaktion und Kommunikation. Traumafolgestörungen entstehen nach belastenden Erlebnissen wie Gewalt oder Vernachlässigung.
Wie können Fachkräfte psychisch belastete Kinder unterstützen?
Fachkräfte können durch aufmerksame Beobachtung, empathische Beziehungsgestaltung und gezielte Unterstützung viel bewirken. Wichtig ist, eine sichere und verlässliche Beziehung aufzubauen, in der sich das Kind angenommen fühlt. Konkret bedeutet das, Strukturen zu schaffen, die dem Kind Orientierung geben, seine Stärken zu fördern und es nicht zu überfordern. Fachkräfte sollten eng mit Eltern, Lehrkräften und Therapeuten zusammenarbeiten und als Vermittler zwischen den Systemen fungieren. Zudem ist es ihre Aufgabe, Familien über Unterstützungsangebote zu informieren und bei der Inanspruchnahme professioneller Hilfe zu begleiten.
Wann ist professionelle Hilfe bei psychischen Auffälligkeiten notwendig?
Professionelle Hilfe sollte in Anspruch genommen werden, wenn psychische Auffälligkeiten über mehrere Wochen anhalten, das Kind sichtlich leidet und der Alltag massiv beeinträchtigt ist. Auch wenn Eltern und Fachkräfte nicht mehr weiterwissen oder wenn das Verhalten des Kindes eine Gefahr für sich selbst oder andere darstellt, ist fachliche Unterstützung unumgänglich. Erste Anlaufstellen sind Erziehungsberatungsstellen, kinderärztliche Praxen oder Schulpsychologische Dienste. Bei akuten Krisen oder Suizidgedanken ist sofortiges Handeln erforderlich, etwa durch Kontaktaufnahme mit einer Kinder- und Jugendpsychiatrie.
Was ist der Unterschied zwischen Verhaltensauffälligkeiten und psychischen Störungen?
Verhaltensauffälligkeiten sind Abweichungen vom erwarteten Verhalten, die vorübergehend oder situativ auftreten können. Sie sind oft Reaktionen auf belastende Lebensereignisse wie Umzüge, Trennungen oder schulische Probleme. Psychische Störungen hingegen sind länger andauernde, tiefer greifende Beeinträchtigungen, die das emotionale Erleben, das Denken oder das Verhalten betreffen. Sie verursachen erheblichen Leidensdruck und beeinträchtigen die Funktionsfähigkeit des Kindes in mehreren Lebensbereichen. Die Grenze ist fließend und kann nur durch sorgfältige Beobachtung und fachliche Einschätzung bestimmt werden. Im Zweifelsfall sollte eine Abklärung durch Fachleute erfolgen.
Fazit
Die Fähigkeit, psychisch erkrankte Kinder zu erkennen und professionell zu begleiten, gehört heute zu den zentralen Kompetenzen im sozialen Sektor. Fachkräfte stehen an einer wichtigen Schnittstelle zwischen Familie, Bildungssystem und Gesundheitsversorgung. Ihr Wissen und ihre Handlungssicherheit können den Unterschied machen, ob ein Kind rechtzeitig Hilfe erhält oder über Jahre hinweg unerkannt leidet. Die steigende Prävalenz psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen macht deutlich, dass dieses Thema keine Randerscheinung mehr ist, sondern zum Kernbestand professioneller Arbeit gehört.
Gleichzeitig erfordert die Arbeit mit psychisch belasteten Kindern nicht nur Fachwissen, sondern auch Empathie, Reflexionsfähigkeit und die Bereitschaft zur interdisziplinären Zusammenarbeit. Fachkräfte, die sich kontinuierlich weiterbilden und ihr Wissen aktuell halten, tragen dazu bei, dass psychische Erkrankungen früher erkannt, Familien besser unterstützt und Kinder in ihrer Entwicklung gestärkt werden. Es lohnt sich, Zeit und Energie in diese Kompetenzentwicklung zu investieren. Die betroffenen Kinder und Familien profitieren unmittelbar davon.
Quellen und weiterführende Links
[1] Bundesministerium für Gesundheit - Kindergesundheit und psychische Auffälligkeiten - https://www.bundesgesundheitsministerium.de/themen/praevention/kindergesundheit.html
[2] Robert Koch-Institut - Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS) - https://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Studien/Kiggs/kiggs_node.html
[3] World Health Organization - Mental health of adolescents - https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/adolescent-mental-health
[4] Deutsches Ärzteblatt - Kinder psychisch kranker Eltern - https://www.aerzteblatt.de/archiv/themen/Kinder-psychisch-kranker-Eltern