Nichtsuizidale Selbstverletzung bei Jugendlichen: Ursachen verstehen und professionell handeln
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Einleitung
Bis zu 25 Prozent aller Jugendlichen verletzen sich mindestens einmal im Leben absichtlich selbst [1]. Diese Zahl überrascht viele Fachkräfte in der Sozialarbeit, Schulbegleitung und Familienhilfe. Die sogenannte nichtsuizidale Selbstverletzung bleibt häufig lange unentdeckt und wird von Betroffenen bewusst versteckt. Sozialpädagogische Fachkräfte begegnen diesem Phänomen jedoch zunehmend im beruflichen Alltag. Die Konfrontation mit selbstverletzendem Verhalten löst oft Unsicherheit, Hilflosigkeit und starke emotionale Reaktionen aus. Gleichzeitig erwarten Betroffene, Angehörige und das institutionelle Umfeld eine professionelle, angemessene Reaktion.
Dieser Artikel vermittelt Ihnen fundiertes Wissen über Formen, Ursachen und Funktionen nichtsuidizaler Selbstverletzung. Sie erfahren, wie Sie Anzeichen frühzeitig erkennen und welche Faktoren das Verhalten aufrechterhalten. Darüber hinaus erhalten Sie praxisnahe Orientierung für den professionellen Umgang in akuten Situationen sowie für längerfristige Begleitprozesse. Das Verständnis dieser komplexen Dynamik ist unverzichtbar für alle, die mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen arbeiten.
Was ist nichtsuizidale Selbstverletzung und warum ist sie wichtig?
Nichtsuizidale Selbstverletzung (auch als NSSV abgekürzt) bezeichnet das absichtliche Zufügen körperlicher Verletzungen ohne die Absicht zu sterben [2]. Die Betroffenen verletzen sich bewusst und wiederholt, um kurzfristig unangenehme Gefühlszustände zu regulieren oder innere Spannung abzubauen. Die häufigsten Formen sind das Aufschneiden der Haut mit scharfen Gegenständen (umgangssprachlich "Ritzen"), Sich-Kratzen, Verbrennen, Schlagen gegen harte Gegenstände oder das Verhindern der Wundheilung. Entscheidend ist die klare Abgrenzung zu Suizidversuchen. Während bei einem Suizidversuch der Tod beabsichtigt oder billigend in Kauf genommen wird, dient selbstverletzendes Verhalten paradoxerweise häufig dazu, weiterhin funktionieren zu können.
Die Relevanz dieses Themas für die sozialpädagogische Praxis kann kaum überschätzt werden. Selbstverletzung beginnt meist im Alter zwischen zwölf und vierzehn Jahren und tritt gehäuft im Jugendalter auf [3]. Fachkräfte in der Kinder- und Jugendhilfe, Schulbegleitung, Familienhilfe und anderen pädagogischen Kontexten kommen daher unweigerlich mit diesem Phänomen in Berührung. Das frühzeitige Erkennen und der kompetente Umgang mit Betroffenen können entscheidend dazu beitragen, Chronifizierung zu verhindern und therapeutische Hilfe zu vermitteln. Wer sich mit diesem Thema vertiefend auseinandersetzen möchte, findet bei Diingu einen Kurs zu nichtsuizidaler Selbstverletzung, der theoretische Grundlagen mit konkreten Handlungsempfehlungen verbindet.
Darüber hinaus ist nichtsuizidale Selbstverletzung mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung weiterer psychischer Störungen verbunden. Betroffene zeigen häufig zusätzlich Symptome von Depressionen, Angststörungen, Essstörungen oder Traumafolgestörungen. Auch wenn keine Suizidabsicht vorliegt, erhöht selbstverletzendes Verhalten das statistische Risiko für spätere Suizidversuche [4]. Professionelle Fachkräfte tragen daher eine besondere Verantwortung, das Thema ernst zu nehmen, ohne zu dramatisieren oder zu bagatellisieren.
Warum dieses Wissen heute unverzichtbar ist
Früherkennung schützt vor Chronifizierung
Je früher selbstverletzendes Verhalten erkannt wird, desto besser sind die Interventionschancen. Viele Jugendliche beginnen experimentell und verletzen sich zunächst nur gelegentlich. Ohne geeignete Unterstützung kann sich das Verhalten jedoch schnell verfestigen und zu einem festen Bewältigungsmuster werden. Fachkräfte, die Warnsignale deuten können, haben die Möglichkeit, rechtzeitig das Gespräch zu suchen und professionelle Hilfe zu vermitteln. Dabei geht es nicht darum, sofort therapeutisch zu intervenieren, sondern eine vertrauensvolle Atmosphäre zu schaffen, in der Jugendliche sich öffnen können. Die Kenntnis über versteckte Hinweise wie ungewöhnliches Kleidungsverhalten (lange Ärmel im Sommer), häufige Verletzungen mit vagen Erklärungen oder sozialer Rückzug ermöglicht es, gezielt nachzufragen.
Entstigmatisierung ermöglicht Hilfeannahme
Selbstverletzung ist nach wie vor stark tabuisiert und mit Scham besetzt. Betroffene befürchten Unverständnis, Ablehnung oder Pathologisierung. Wenn Fachkräfte das Thema professionell und wertfrei ansprechen können, wird ein wichtiger Schritt zur Entstigmatisierung geleistet. Jugendliche erleben, dass sie ernst genommen werden, ohne vorschnell in eine psychiatrische Schublade gesteckt zu werden. Diese Haltung ist entscheidend dafür, ob Betroffene sich öffnen und Hilfe annehmen können. Stigmatisierung hingegen führt dazu, dass das Verhalten weiter verheimlicht wird und die Betroffenen isoliert bleiben. Eine aufgeklärte, sachliche Haltung durchbricht diesen Teufelskreis.
Differenzierte Risikoeinschätzung verhindert Über- und Unterreaktionen
Nicht jede Form von Selbstverletzung erfordert dieselbe Reaktion. Es gibt experimentelles Verhalten, das nach wenigen Episoden wieder aufhört, ebenso wie chronische, hochfrequente Selbstverletzung mit erheblichem Verletzungsausmaß. Fachkräfte müssen einschätzen können, wann ein klärendes Gespräch ausreicht und wann eine sofortige Krisenintervention oder die Einschaltung von Erziehungsberechtigten und therapeutischen Diensten notwendig ist. Überreaktionen können die Beziehung zum Jugendlichen beschädigen und das Vertrauen zerstören. Unterreaktionen hingegen bergen das Risiko, dass ernsthafter Hilfebedarf übersehen wird. Fundiertes Wissen ermöglicht eine angemessene, differenzierte Einschätzung der jeweiligen Situation.
Kommunikationskompetenz stärkt die professionelle Beziehung
Das Führen eines Gesprächs über Selbstverletzung erfordert besondere Sensibilität. Viele Fachkräfte fühlen sich unsicher, welche Fragen sie stellen dürfen, wie direkt sie sein sollten und wie sie reagieren, wenn der Jugendliche sich verschließt. Wer über fundierte Gesprächsstrategien verfügt, kann diese schwierige Situation meistern und eine tragfähige Arbeitsbeziehung aufrechterhalten. Angemessene Kommunikation bedeutet auch, eigene emotionale Reaktionen wie Erschrecken, Ekel oder Ohnmacht professionell zu reflektieren und nicht ungefiltert auf die Jugendlichen zu übertragen. Diese Fähigkeit ist zentral für alle pädagogischen und sozialen Berufe.
Systemisches Verständnis erweitert Handlungsoptionen
Selbstverletzung entsteht nicht im luftleeren Raum, sondern im Kontext komplexer psychosozialer Belastungen. Familiäre Konflikte, Mobbing, schulischer Leistungsdruck, Identitätskrisen oder traumatische Erlebnisse können Auslöser sein. Ein systemisches Verständnis hilft Fachkräften, nicht nur das Symptom zu betrachten, sondern auch die Lebensumstände der Betroffenen einzubeziehen. Dadurch erweitern sich die Handlungsoptionen erheblich. Statt sich ausschließlich auf das Verhalten zu fokussieren, können Ressourcen aktiviert, Belastungen reduziert und das soziale Umfeld einbezogen werden. Dieser ganzheitliche Blick ist charakteristisch für qualitativ hochwertige sozialpädagogische Arbeit.
Selbstfürsorge schützt vor sekundärer Traumatisierung
Die Konfrontation mit Selbstverletzung belastet auch die Fachkräfte emotional. Bilder von Verletzungen, die Sorge um das Wohl der Jugendlichen und die Verantwortung für angemessene Interventionen können zu Überforderung führen. Ohne entsprechendes Wissen und Reflexionsmöglichkeiten besteht die Gefahr von Burnout oder sekundärer Traumatisierung. Fachkräfte, die sich mit dem Thema auseinandersetzen, entwickeln nicht nur inhaltliche Kompetenz, sondern auch Strategien zum Selbstschutz. Supervision, Fallbesprechungen und die Klarheit über die eigenen professionellen Grenzen sind unverzichtbar für nachhaltiges Arbeiten in diesem sensiblen Bereich.
Häufige Herausforderungen und Stolpersteine
Eine der größten Herausforderungen im professionellen Umgang mit selbstverletzendem Verhalten besteht darin, die Balance zwischen Nähe und Distanz zu finden. Einerseits benötigen Betroffene eine vertrauensvolle Beziehung, um sich öffnen zu können. Andererseits kann zu viel emotionale Involviertheit die professionelle Handlungsfähigkeit beeinträchtigen. Fachkräfte geraten manchmal in die Falle, eine quasitherapeutische Rolle übernehmen zu wollen, für die sie weder ausgebildet noch zuständig sind. Diese Grenzüberschreitung schadet letztlich beiden Seiten. Der Jugendliche erhält keine adäquate therapeutische Unterstützung, und die Fachkraft übernimmt eine Verantwortung, die sie überfordert.
Ein weiterer Stolperstein ist die vorschnelle Interpretation des Verhaltens als manipulativ oder aufmerksamkeitsheischend. Tatsächlich dient Selbstverletzung in den meisten Fällen der inneren Regulation und wird gerade nicht öffentlich inszeniert. Die Sichtbarkeit von Narben oder frischen Wunden bedeutet nicht automatisch, dass das Verhalten demonstrativen Charakter hat. Solche Fehleinschätzungen führen zu unangemessenen Reaktionen und können das Vertrauensverhältnis nachhaltig zerstören. Fachkräfte sollten immer davon ausgehen, dass hinter dem Verhalten ein echter Leidensdruck steht, auch wenn die Funktion der Selbstverletzung auf den ersten Blick schwer nachvollziehbar erscheint.
Die Kommunikation mit Eltern und Angehörigen stellt eine zusätzliche Herausforderung dar. Viele Eltern reagieren mit Schock, Unverständnis oder Schuldgefühlen, wenn sie von der Selbstverletzung ihres Kindes erfahren. Einige tendieren dazu, das Problem zu bagatellisieren oder zu leugnen, andere verfallen in Panik. Fachkräfte müssen in der Lage sein, Angehörige behutsam zu informieren und gleichzeitig das Vertrauen des Jugendlichen nicht zu gefährden. Die Frage, wann und wie Eltern einbezogen werden sollten, ist oft komplex und muss individuell abgewogen werden. In der Sozialpädagogischen Familienhilfe ist diese Gratwanderung besonders präsent, da sowohl mit den Jugendlichen als auch mit den Eltern gearbeitet wird.
Auch die institutionellen Rahmenbedingungen können die Arbeit erschweren. Nicht alle Einrichtungen verfügen über klare Handlungsprotokolle für den Umgang mit Selbstverletzung. In Schulen, Wohngruppen oder anderen Betreuungseinrichtungen fehlen manchmal verbindliche Absprachen darüber, wer informiert werden muss, wie dokumentiert wird und welche Schritte eingeleitet werden. Diese Unklarheit führt zu Verunsicherung bei den Fachkräften und zu inkonsistentem Handeln. Das wiederum kann bei den Betroffenen Verwirrung oder Misstrauen auslösen. Die Entwicklung klarer, fachlich fundierter Standards ist daher eine wichtige Organisationsaufgabe.
Anwendung in der Praxis
In der sozialpädagogischen Familienhilfe begegnet Ihnen möglicherweise eine 14-jährige Jugendliche, die sich seit einigen Monaten die Unterarme aufritzt. Die Eltern haben die Narben entdeckt und sind verzweifelt. Ihre Aufgabe besteht zunächst darin, sowohl der Jugendlichen als auch den Eltern einen geschützten Rahmen für Gespräche anzubieten. Sie erklären den Eltern die Funktionen von Selbstverletzung als Versuch der Emotionsregulation, ohne das Verhalten zu verharmlosen. Gleichzeitig führen Sie mit der Jugendlichen Einzelgespräche, in denen Sie erfragen, welche Situationen das Verhalten auslösen und welche Gefühle damit reguliert werden sollen. Durch dieses differenzierte Vorgehen entstehen Ansatzpunkte für alternative Bewältigungsstrategien und für die Vermittlung therapeutischer Unterstützung.
In der Schulbegleitung kann die Situation anders aussehen. Sie betreuen einen Jugendlichen mit Förderbedarf, der sich in stressigen Prüfungssituationen die Hände blutig kratzt. Hier ist es wichtig, mit dem Jugendlichen gemeinsam zu erarbeiten, wie Stresssituationen früher erkannt werden können. Sie entwickeln zusammen ein Signal, mit dem der Jugendliche Ihnen mitteilen kann, dass er eine Pause braucht. Zusätzlich sprechen Sie mit den Lehrkräften über angemessene Nachteilsausgleiche und Entlastungsmöglichkeiten. In diesem Fall ist die präventive Arbeit an den Rahmenbedingungen ebenso wichtig wie die direkte Begleitung. Der Diingu-Kurs Nichtsuizidale Selbstverletzung vermittelt solche alltagsnahen Strategien systematisch und praxisorientiert.
In einer stationären Jugendhilfeeinrichtung treffen Sie auf eine Gruppe von Jugendlichen, von denen mehrere sich selbst verletzen. Hier besteht die Gefahr von gegenseitiger Ansteckung und Wettbewerb. Ihre Rolle als Fachkraft umfasst hier auch präventive Gruppenarbeit. Sie thematisieren Emotionsregulation, Stressbewältigung und Hilfesuchverhalten offen in der Gruppe, ohne einzelne Jugendliche bloßzustellen. Gleichzeitig bieten Sie niederschwellige Einzelgespräche an und achten darauf, dass über Selbstverletzung nicht in einer Weise gesprochen wird, die das Verhalten glorifiziert oder normalisiert. Diese Balance ist anspruchsvoll und erfordert ein gutes Gespür für Gruppendynamiken.
Auch in der Frühförderung kann selbstverletzendes Verhalten auftreten, wenngleich in anderer Form. Kinder mit Entwicklungsverzögerungen oder Autismus-Spektrum-Störungen zeigen manchmal selbstverletzende Verhaltensweisen wie Kopfschlagen oder Beißen. Hier liegt die Ursache häufig in Kommunikationsschwierigkeiten oder Reizüberflutung. Ihre Aufgabe ist es, gemeinsam mit den Eltern Auslöser zu identifizieren und alternative Kommunikationsformen zu etablieren. Auch wenn die Dynamik hier eine andere ist als bei nichtsuizidaler Selbstverletzung im Jugendalter, sind die Prinzipien der Funktionsanalyse und des Aufbaus alternativer Verhaltensweisen vergleichbar.
So gelingt der Einstieg
Der erste Schritt zu einem professionellen Umgang mit selbstverletzendem Verhalten liegt in der eigenen Haltung. Reflektieren Sie Ihre spontanen emotionalen Reaktionen und mögliche Vorurteile. Selbstverletzung löst oft starke Gefühle aus, von Erschrecken über Hilflosigkeit bis hin zu Abwehr. Diese Reaktionen sind menschlich und verständlich. Entscheidend ist, dass Sie lernen, diese Gefühle wahrzunehmen, ohne sie ungefiltert auf die Betroffenen zu projizieren. Eine wertfreie, akzeptierende Grundhaltung ist die Basis jeder hilfreichen Intervention. Das bedeutet nicht, das Verhalten gutzuheißen, sondern die Person hinter dem Verhalten zu sehen und ihren Leidensdruck ernst zu nehmen.
Informieren Sie sich über die verschiedenen Formen, Ursachen und Funktionen von Selbstverletzung. Lesen Sie Fachliteratur, besuchen Sie Fortbildungen und nutzen Sie qualifizierte E-Learning-Angebote. Je mehr Sie über die Hintergründe wissen, desto sicherer werden Sie im konkreten Handeln. Achten Sie dabei darauf, dass die Informationsquellen wissenschaftlich fundiert und aktuell sind. Veraltete Ansichten oder Mythen können mehr schaden als nützen. Besonders hilfreich sind Angebote, die theoretisches Wissen mit konkreten Handlungsempfehlungen verbinden und Fallbeispiele aus der Praxis einbeziehen.
Entwickeln Sie Gesprächsstrategien für das Ansprechen von Selbstverletzung. Üben Sie, wie Sie das Thema behutsam zur Sprache bringen können, ohne den Jugendlichen zu überrumpeln. Offene Fragen sind hilfreicher als konfrontative Aussagen. Statt zu sagen "Ich weiß, dass du dich verletzt", könnten Sie fragen "Ich habe den Eindruck, dass es dir im Moment nicht gut geht. Möchtest du darüber sprechen?" Zeigen Sie echtes Interesse und Geduld. Manche Jugendliche brauchen mehrere Anläufe, bis sie sich öffnen können. Respektieren Sie es, wenn jemand noch nicht bereit ist zu sprechen, und signalisieren Sie gleichzeitig, dass Sie weiterhin ansprechbar sind.
Klären Sie die Grenzen Ihrer Rolle und Ihrer Kompetenzen. Sie sind als sozialpädagogische Fachkraft nicht für Therapie zuständig, aber Sie können eine wichtige Brückenfunktion übernehmen. Informieren Sie sich über Beratungsstellen, Therapeutinnen und Therapeuten sowie Krisenanlaufstellen in Ihrer Region. Bauen Sie ein Netzwerk auf, an das Sie bei Bedarf vermitteln können. Gleichzeitig sollten Sie wissen, wann Sie innerhalb Ihrer Einrichtung Rücksprache halten müssen und welche Dokumentationspflichten bestehen. Diese Klarheit schützt sowohl Sie als auch die Jugendlichen.
Nutzen Sie Supervision und kollegialen Austausch. Die Arbeit mit selbstverletzenden Jugendlichen kann emotional belastend sein. Regelmäßige Reflexionsmöglichkeiten helfen Ihnen, professionelle Distanz zu wahren und gleichzeitig empathisch zu bleiben. In Fallbesprechungen können Sie gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen Handlungsstrategien entwickeln und unterschiedliche Perspektiven einholen. Diese Form der Selbstfürsorge ist keine Schwäche, sondern Ausdruck professioneller Verantwortung.
Passende Weiterbildung bei Diingu
Wer sich fundiert und praxisnah mit dem Thema nichtsuizidale Selbstverletzung auseinandersetzen möchte, findet bei Diingu einen passenden Kurs. Der Kurs zu nichtsuizidaler Selbstverletzung vermittelt theoretische Grundlagen zu Ursachen, Funktionen und aufrechterhaltenden Faktoren. Im anschließenden Praxisteil erhalten Sie konkrete Gesprächsstrategien, Handlungsempfehlungen für Krisensituationen und alltagsnahe Unterstützungsmöglichkeiten. Der Kurs richtet sich speziell an Fachkräfte in der sozialpädagogischen Familienhilfe, ist aber auch für andere Bereiche der Kinder- und Jugendhilfe relevant. Die interaktive Lernplattform ermöglicht Ihnen flexibles Lernen in Ihrem eigenen Tempo.
Häufig gestellte Fragen
Was ist nichtsuizidale Selbstverletzung?
Nichtsuizidale Selbstverletzung bezeichnet das absichtliche Zufügen körperlicher Verletzungen ohne die Absicht zu sterben. Häufige Formen sind das Aufschneiden der Haut (Ritzen), Kratzen, Verbrennen oder Schlagen. Das Verhalten dient meist dazu, unangenehme Gefühle zu regulieren oder innere Spannung abzubauen. Es unterscheidet sich klar von Suizidversuchen, bei denen der Tod intendiert ist. Betroffene verletzen sich oft wiederholt und entwickeln ein verfestigtes Bewältigungsmuster.
Warum verletzen sich Jugendliche selbst?
Die Gründe sind vielfältig und individuell verschieden. Häufig dient Selbstverletzung der Regulation überwältigender Emotionen wie Wut, Traurigkeit, Angst oder innerem Druck. Manche Betroffene beschreiben, dass der körperliche Schmerz den emotionalen Schmerz überlagert und dadurch erträglicher macht. Andere nutzen Selbstverletzung, um sich selbst wieder zu spüren, wenn sie sich taub oder dissoziiert fühlen. Auch Schuldgefühle, Selbstbestrafung oder der Wunsch nach Kontrolle können eine Rolle spielen. Wichtig ist zu verstehen, dass Selbstverletzung eine Bewältigungsstrategie darstellt, auch wenn sie aus Außenperspektive paradox erscheint.
Wie erkenne ich Selbstverletzung bei Jugendlichen?
Achten Sie auf ungewöhnliches Kleidungsverhalten, etwa lange Ärmel oder Armbänder auch bei warmem Wetter. Häufige Verletzungen, die vage oder widersprüchlich erklärt werden, können ein Hinweis sein. Sozialer Rückzug, depressive Verstimmungen oder plötzliche Verhaltensänderungen sollten ebenfalls aufmerksam machen. Manche Jugendliche hinterlassen indirekte Hinweise, etwa durch Äußerungen in sozialen Medien oder durch Andeutungen in Gesprächen. Wichtig ist, nicht vorschnell zu urteilen, sondern behutsam das Gespräch zu suchen, wenn Sie sich Sorgen machen.
Wie sollte ich auf Selbstverletzung reagieren?
Bleiben Sie ruhig und vermeiden Sie Schockreaktionen oder Vorwürfe. Zeigen Sie dem Jugendlichen, dass Sie ihn ernst nehmen und bereit sind zuzuhören. Stellen Sie offene Fragen und drängen Sie nicht zu Erklärungen. Respektieren Sie, wenn der Jugendliche noch nicht bereit ist zu sprechen. Gleichzeitig sollten Sie deutlich machen, dass Sie das Thema nicht ignorieren werden. Klären Sie gemeinsam, welche Unterstützung hilfreich sein könnte. Je nach Schwere und Häufigkeit der Selbstverletzung sollten Sie therapeutische Hilfe vermitteln und gegebenenfalls Erziehungsberechtigte einbeziehen.
Welche Funktionen erfüllt selbstverletzendes Verhalten?
Selbstverletzung erfüllt typischerweise mehrere Funktionen gleichzeitig. Die wichtigste ist die Emotionsregulation, also das Abbauen unerträglicher innerer Spannung. Manche Betroffene nutzen Selbstverletzung auch zur Selbstbestrafung bei Schuldgefühlen oder als Ausdruck von Selbsthass. Eine weitere Funktion kann das Beenden dissoziativer Zustände sein, also das Zurückholen ins Hier und Jetzt durch körperlichen Schmerz. In manchen Fällen dient Selbstverletzung auch der Kommunikation von Leid, wenn andere Ausdrucksformen fehlen. Das Verständnis dieser Funktionen ist entscheidend für die Entwicklung alternativer Bewältigungsstrategien.
Fazit
Nichtsuizidale Selbstverletzung ist ein komplexes Phänomen, das sozialpädagogische Fachkräfte zunehmend im beruflichen Alltag herausfordert. Das Verständnis von Ursachen, Funktionen und Aufrechterhaltungsfaktoren ist unverzichtbar für einen professionellen, hilfreichen Umgang mit Betroffenen. Selbstverletzendes Verhalten ist weder ein Aufmerksamkeitsversuch noch eine Modeerscheinung, sondern Ausdruck ernsthafter innerer Not und ein Versuch der Selbstregulation. Fachkräfte, die fundiertes Wissen erwerben und reflektierte Gesprächsstrategien entwickeln, können eine wichtige Brückenfunktion zwischen Betroffenen und therapeutischer Hilfe übernehmen.
Die frühzeitige Erkennung, eine wertfreie Haltung und die Fähigkeit zur differenzierten Risikoeinschätzung sind dabei zentrale Kompetenzen. Gleichzeitig ist es wichtig, die eigenen professionellen Grenzen zu kennen und Selbstfürsorge zu praktizieren. Die Arbeit mit selbstverletzenden Jugendlichen erfordert Mut, Empathie und Fachlichkeit in gleichem Maße. Wer sich dieser Herausforderung stellt und sich kontinuierlich weiterbildet, leistet einen wertvollen Beitrag zum Wohl der betroffenen jungen Menschen und ihrer Familien. In einer Zeit, in der psychische Belastungen bei Jugendlichen zunehmen, ist diese Kompetenz gefragter denn je.
Quellen und weiterführende Links
[1] Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie - Informationen zu selbstverletzendem Verhalten - https://www.dgkjp.de
[2] Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung - Selbstverletzendes Verhalten bei Jugendlichen - https://www.bzga.de
[3] Robert Koch-Institut - Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland - https://www.rki.de
[4] Nationales Suizidpräventionsprogramm für Deutschland - Informationen zu Selbstverletzung und Suizidalität - https://www.suizidpraevention-deutschland.de