Immer mehr Kinder erhalten Diagnosen wie ADHS oder Autismus. Gleichzeitig wächst das Bewusstsein dafür, dass diese Kinder keine "Problemkinder" sind. Sie denken, lernen und nehmen die Welt anders wahr. Für Fachkräfte in der Schulbegleitung, Kitabegleitung und Familienhilfe ist das Thema Neurodivergenz (die natürliche Vielfalt in der Funktionsweise des Gehirns) deshalb wichtiger denn je.
Dieser Artikel erklärt, was Neurodivergenz bei Kindern bedeutet. Er zeigt aktuelle Entwicklungen und gibt praktische Tipps für den pädagogischen Alltag. Wer direkt tiefer einsteigen möchte, findet bei Diingu einen kostenlosen Kurs zum Thema: Neurodiversität.
Was bedeutet Neurodivergenz bei Kindern?
Neurodivergenz beschreibt, dass Gehirne unterschiedlich arbeiten. Das ist keine Krankheit und kein Defekt. Es ist ein Teil der menschlichen Vielfalt. Der übergeordnete Begriff dafür ist Neurodiversität (die Idee, dass neurologische Unterschiede normal und wertvoll sind). [1]
Zu den häufigsten Formen von Neurodivergenz bei Kindern gehören:
- ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung): Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und manchmal Hyperaktivität
- Autismus-Spektrum-Störungen (ASS): Unterschiede in der sozialen Kommunikation und Wahrnehmung
- Legasthenie / LRS (Lese-Rechtschreib-Schwäche): Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben
- Dyskalkulie (Rechenschwäche): Schwierigkeiten beim Verstehen von Zahlen und Rechnen
- Sprachentwicklungsstörungen: Verzögerungen oder Besonderheiten in der Sprachentwicklung
Wichtig ist: Jedes neurodivergente Kind ist einzigartig. Zwei Kinder mit derselben Diagnose können ganz unterschiedliche Stärken und Bedürfnisse haben. [1] [5]
Warum ist das Thema so aktuell?
Die Zahl der Diagnosen steigt. Gleichzeitig fehlt es in vielen Einrichtungen an Wissen und passenden Strukturen. Neurodivergente Kinder treffen im Schulalltag häufig auf Barrieren. [4] Das betrifft nicht nur Lehrkräfte. Auch Schulbegleitungen, Kitabegleitungen und Familienhelfer:innen begegnen dem Thema täglich.
Eine Fortbildung Neurodivergenz bei Kindern hilft dabei, diese Kinder besser zu verstehen. Sie gibt Werkzeuge an die Hand, um den Alltag für alle Beteiligten leichter zu gestalten.
Die häufigsten Formen von Neurodivergenz im Überblick
ADHS bei Kindern
Kinder mit ADHS haben oft Schwierigkeiten, sich über längere Zeit zu konzentrieren. Sie können impulsiv handeln oder sehr unruhig sein. Aber ADHS hat auch Stärken: Viele betroffene Kinder sind kreativ, energiegeladen und begeisterungsfähig.
Im pädagogischen Alltag helfen klare Strukturen und kurze Aufgabenblöcke. Bewegungspausen sind besonders wichtig. [12] Wer mehr über ADHS erfahren möchte, findet bei Diingu passende Kurse: Aufmerksamkeits-Defizit-(Hyperaktivitäts)-Störung für die Schulbegleitung und AD(H)S für die Kitabegleitung.
Autismus-Spektrum-Störungen (ASS)
Kinder im Autismus-Spektrum nehmen ihre Umgebung oft anders wahr. Soziale Situationen können anstrengend sein. Reize wie Lärm, Licht oder Berührungen können überwältigend wirken. Gleichzeitig haben viele autistische Kinder besondere Stärken. Sie können sich zum Beispiel intensiv mit Themen beschäftigen und haben ein gutes Auge für Details.
Für die Begleitung ist es wichtig, Reizüberflutung zu vermeiden. Vorhersehbare Abläufe und klare Kommunikation helfen. [5] Diingu bietet hierzu einen eigenen Kurs an: Autismus-Spektrum-Störungen in der Schulbegleitung sowie Autismus-Spektrum-Störungen in der Kitabegleitung.
Legasthenie, Dyskalkulie und Sprachstörungen
Legasthenie (LRS) und Dyskalkulie (Rechenschwäche) betreffen das Lernen in bestimmten Bereichen. Kinder mit LRS haben Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben. Kinder mit Dyskalkulie tun sich schwer mit Zahlen und Mengen. Sprachentwicklungsstörungen können sich auf das Sprechen, das Verstehen oder beides auswirken.
Alle diese Formen der Neurodivergenz lassen sich mit der richtigen Unterstützung gut begleiten. Mehr dazu erfahren Sie im Diingu-Kurs Sprech- und Sprachstörungen und im Kurs Lernbehinderung.
Warum eine Fortbildung Neurodivergenz bei Kindern so wichtig ist
Der Paradigmenwechsel: Von Bewusstsein zu Gestaltung
Lange ging es beim Thema Neurodivergenz vor allem um Awareness (Bewusstsein schaffen). Das hat sich verändert. Heute geht es darum, konkrete Strukturen zu schaffen. [7] Es reicht nicht mehr, zu wissen, dass es Neurodivergenz gibt. Fachkräfte müssen wissen, wie sie den Alltag aktiv gestalten können.
Ein aktuelles Thesenpapier aus dem Jahr 2026 beschreibt zentrale Handlungsfelder für eine neurodiversitätssensible Schule. Dazu gehören unter anderem: [8]
- Diskriminierende Strukturen in Schule und Unterricht aufdecken
- Eine neurodiversitätsreflexive Pädagogik (ein pädagogischer Ansatz, der neurologische Vielfalt bewusst mitdenkt) entwickeln
- Lehrkräfte und Fachkräfte gezielt aus- und fortbilden
Politische Entwicklungen in Deutschland
Auch die Politik bewegt sich. Der Bezirkselternausschuss (BEA) Berlin-Mitte hat Anfang 2026 einen Beschluss gefasst. Ziel ist es, den Umgang mit Neurodivergenz in Schulen zu stärken. Bewusstsein, Unterstützung und Strukturen sollen ausgebaut werden. [2]
Internationale Impulse
International gibt es ebenfalls wichtige Entwicklungen. In England müssen weiterführende Schulen seit 2026 verpflichtend sogenannte Inclusion Areas (speziell gestaltete Bereiche) für neurodivergente Kinder bereitstellen. [10] In Australien wird das Programm "Learning About Neurodiversity at School" (LEANS) eingeführt. Es vermittelt Neurodiversität direkt im Schulkontext. [11]
Diese Beispiele zeigen: Das Thema ist weltweit in Bewegung. Wer sich jetzt fortbildet, ist gut vorbereitet.
Sensorische Bedürfnisse verstehen und beachten
Ein besonders wichtiger Bereich in der Fortbildung Neurodivergenz bei Kindern sind sensorische Bedürfnisse (die Art, wie Kinder Sinnesreize wie Geräusche, Licht, Berührungen oder Gerüche wahrnehmen und verarbeiten).
Dr. Andrea Tures von der Justus-Liebig-Universität Gießen forscht seit 2015 zu diesem Thema. Sie betont, wie wichtig es ist, die sensorischen Bedürfnisse neurodivergenter Kinder in Kita, Schule und Familie zu verstehen. [3] [6]
Was bedeutet das in der Praxis?
Neurodivergente Kinder können auf Sinnesreize anders reagieren als neurotypische Kinder (Kinder, deren Gehirn auf die am weitesten verbreitete Art funktioniert). Manche Kinder sind überempfindlich gegenüber bestimmten Reizen. Andere suchen aktiv nach sensorischen Erfahrungen.
Beispiele für sensorische Herausforderungen im Alltag:
| Bereich | Mögliche Herausforderung | Mögliche Unterstützung |
|---|---|---|
| Geräusche | Lärm in der Klasse ist überwältigend | Gehörschutz anbieten, ruhige Bereiche schaffen |
| Licht | Neonlicht wird als unangenehm empfunden | Natürliches Licht bevorzugen, Sitzplatz anpassen |
| Berührung | Bestimmte Stoffe oder Berührungen sind unangenehm | Keine Berührungen erzwingen, Alternativen anbieten |
| Bewegung | Langes Stillsitzen fällt schwer | Bewegungspausen einplanen, Zappelwerkzeuge erlauben |
Wer mehr über die Begleitung von Kindern mit besonderen Bedürfnissen lernen möchte, findet im Diingu-Kurs Emotionsregulation fördern hilfreiche Grundlagen.
Praktische Tipps für den pädagogischen Alltag
Das IFLW (Institut für integratives Lernen und Weiterbildung) hat sieben Handlungsleitlinien für den Umgang mit Neurodiversität bei Kindern formuliert. [5] Daraus und aus weiteren Quellen lassen sich konkrete Tipps ableiten:
1. Stärken erkennen statt Defizite betonen
Jedes Kind hat Stärken. Neurodivergente Kinder werden oft vor allem über ihre Schwierigkeiten definiert. Drehen Sie die Perspektive um. Fragen Sie: Was kann dieses Kind besonders gut? Was begeistert es? Eine stärkenorientierte Haltung (der Fokus auf das, was ein Kind kann, statt auf das, was es nicht kann) verändert die Beziehung zum Kind grundlegend. [5] [9]
Der Diingu-Kurs Ressourcenorientiert arbeiten vertieft genau diesen Ansatz.
2. Strukturen und Vorhersehbarkeit schaffen
Viele neurodivergente Kinder profitieren von klaren Abläufen. Wenn sie wissen, was als Nächstes kommt, fühlen sie sich sicherer. Praktische Umsetzung:
- Tagesplan sichtbar aufhängen (mit Bildern und Text)
- Übergänge ankündigen ("In fünf Minuten räumen wir auf")
- Rituale für wiederkehrende Situationen einführen
- Visuelle Hilfsmittel wie Bilder, Symbole oder Farbcodes nutzen [12]
3. Ruhebereiche und Rückzugsmöglichkeiten anbieten
Nicht jedes Kind kann den ganzen Tag in einer lauten Gruppe sein. Ruhebereiche (ausgewiesene Orte, an denen Kinder sich zurückziehen und entspannen können) sind für neurodivergente Kinder oft unverzichtbar. [12] [10]
Das kann ein ruhiger Raum sein, eine Leseecke oder einfach ein Platz mit Kopfhörern. Wichtig ist: Der Rückzug sollte kein Zeichen von Schwäche sein. Er ist eine Strategie zur Selbstregulation (die Fähigkeit, die eigenen Gefühle und Reaktionen zu steuern).
4. Bewegung in den Alltag einbauen
Bewegungspausen helfen nicht nur neurodivergenten Kindern. Sie tun allen Kindern gut. [12] Kurze Bewegungseinheiten zwischen Lernphasen können die Konzentration verbessern. Das können einfache Übungen sein: Strecken, Hüpfen, ein kurzer Spaziergang.
5. Kommunikation anpassen
Manche neurodivergente Kinder verstehen Sprache wörtlich. Andere brauchen mehr Zeit, um Gesagtes zu verarbeiten. Hilfreiche Tipps:
- Kurze, klare Sätze verwenden
- Eine Anweisung nach der anderen geben
- Genug Zeit zum Antworten lassen
- Bei Bedarf visuelle Unterstützung nutzen
Für Kinder, die besondere Unterstützung in der Kommunikation brauchen, bietet Diingu den Kurs Unterstützte Kommunikation an.
6. Zusammenarbeit mit allen Beteiligten pflegen
Die Begleitung neurodivergenter Kinder gelingt am besten im Team. Dazu gehören:
- Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte
- Eltern und Familien
- Therapeutische Fachkräfte (z.B. Ergotherapie, Logopädie)
- Schulbegleitungen und Kitabegleitungen
Regelmäßiger Austausch ist wichtig. Alle Beteiligten sollten die gleichen Ziele verfolgen und sich gegenseitig unterstützen. [4]
7. Eigene Haltung reflektieren
Neurodivergenz ist keine Störung, die "repariert" werden muss. Es ist eine andere Art, die Welt wahrzunehmen. Diese Haltung zu verinnerlichen, ist vielleicht der wichtigste Schritt. Fragen Sie sich regelmäßig:
- Sehe ich das Kind oder die Diagnose?
- Passe ich die Umgebung an das Kind an oder erwarte ich, dass sich das Kind anpasst?
- Welche Vorurteile habe ich vielleicht unbewusst?
Neuroinklusion: Das große Ganze
Neuroinklusion (die aktive Gestaltung von Umgebungen, in denen neurodivergente Menschen gleichberechtigt teilhaben können) geht über einzelne Maßnahmen hinaus. Es geht um eine systemische Veränderung. [9]
Das bedeutet: Nicht nur einzelne Kinder werden unterstützt. Die gesamte Lernumgebung wird so gestaltet, dass sie für verschiedene Gehirne funktioniert. Das nennt man auch Universal Design for Learning (ein Ansatz, bei dem Lernangebote von Anfang an so gestaltet werden, dass möglichst viele Kinder davon profitieren).
Konkret kann das bedeuten:
- Verschiedene Wege anbieten, um Wissen aufzunehmen (hören, sehen, ausprobieren)
- Verschiedene Wege anbieten, um Wissen zu zeigen (schreiben, sprechen, zeichnen)
- Verschiedene Wege anbieten, um motiviert zu bleiben (Wahlmöglichkeiten, eigene Interessen einbringen)
Dieser Ansatz hilft nicht nur neurodivergenten Kindern. Er macht den Unterricht und die Betreuung für alle besser.
Selbstfürsorge nicht vergessen
Die Begleitung neurodivergenter Kinder kann bereichernd sein. Sie kann aber auch herausfordernd sein. Fachkräfte sollten auf ihre eigene Gesundheit achten. Dazu gehören:
- Pausen im Arbeitsalltag bewusst einplanen
- Austausch mit Kolleg:innen suchen
- Grenzen setzen und kommunizieren
- Supervision (professionelle Beratung für Fachkräfte) nutzen, wenn möglich
Diingu bietet hierzu den Kurs Selbstfürsorge für Schulbegleitungen an. Denn nur wer gut für sich selbst sorgt, kann auch gut für andere sorgen.
Passende Weiterbildungen bei Diingu
Das Thema Neurodivergenz bei Kindern ist vielfältig. Diingu bietet eine Reihe kostenloser und praxisnaher Kurse, die Ihnen den Einstieg erleichtern:
Direkt zum Thema Neurodivergenz:
- Neurodiversität (Kitabegleitung)
- Autismus-Spektrum-Störungen (Schulbegleitung)
- Autismus-Spektrum-Störungen (Kitabegleitung)
- Aufmerksamkeits-Defizit-(Hyperaktivitäts)-Störung (Schulbegleitung)
- AD(H)S (Kitabegleitung)
- Lernbehinderung (Schulbegleitung)
- Sprech- und Sprachstörungen (Schulbegleitung)
Ergänzende Themen:
- Emotionsregulation fördern (Kitabegleitung)
- Ressourcenorientiert arbeiten (Kitabegleitung)
- Unterstützte Kommunikation (Kitabegleitung)
- Selbstfürsorge für Schulbegleitungen (Schulbegleitung)
- Diversitätssensibles Arbeiten in der Kita (Kitabegleitung)
Alle Grundlagenkurse bei Diingu sind kostenlos. Sie können sofort starten und in Ihrem eigenen Tempo lernen.
Quellen und weiterführende Links
[1] Neurodiversität - MenschensBILDUNG - https://menschensbildung.de/neurodiversitaet/
[2] BEA Mitte - Beschluss: Umgang mit Neurodivergenz in Schulen stärken (Jan. 2026) - https://bea-mitte.de/2026/01/beschluss-umgang-mit-neurodivergenz-in-schulen-staerken-bewusstsein-unterstuetzung-und-strukturen-ausbauen/
[3] Vortrag Dr. Andrea Tures - Sensorische Bedürfnisse neurodivergenter Kinder - https://www.bo-paedagogik.de/programm2026/vortrag-neurodivergenz-im-kontext-bop
[4] Neurodivergenz im Schulalltag - was Lehrkräfte wissen sollten - https://www.zeitfuerdieschule.de/materialien/artikel/neurodivergenz-im-schulalltag-was-lehrkraefte-wissen-sollten/
[5] IFLW - Neurodiversität in der Schule: 7 Leitlinien für Pädagogen - https://www.iflw.de/blog/lerntherapie-lerntherapeut/neurodiversitaet-bei-kindern-und-jugendlichen-7-handlungsleitlinien-fuer-paedagogische-fachkraefte/
[6] Neurodiversität in Kita, Schule und Familie - Dr. Andrea Tures - https://www.bo-paedagogik.de/programm2026/vortrag-neurodivergenz-im-kontext-bop
[7] Neurodiversität 2026: Inklusion verschiebt sich von Awareness zu Gestaltung - https://www.linkedin.com/pulse/neurodiversit%25C3%25A4t-2026-inklusion-verschiebt-sich-von-zu-xenia-matthies-sjuaf/
[8] Thesenpapier: Handlungsfelder neurodiversitätssensible Schule (Feb. 2026) - https://www.zak-germany.de/wp-content/uploads/2026/02/Thesenpapier_neurodiversitaetssensible-Schule.pdf
[9] Wie Neuroinklusion gelingt - inklusiongestalten.de - https://inklusiongestalten.de/2025/04/26/wie-neuroinklusion-gelingt/
[10] The Guardian - English secondary schools must offer inclusion areas (Feb. 2026) - https://www.theguardian.com/education/2026/feb/11/english-secondary-schools-must-offer-inclusion-areas-for-neurodiverse-and-send-pupils
[11] Reframing Autism - LEANS Australia Press Release (Dez. 2025) - https://reframingautism.org.au/leans-australia-press-release/
[12] Child Mind Institute - How Schools Can Support Neurodiverse Students (Dez. 2025) - https://childmind.org/article/how-schools-can-support-neurodiverse-students/